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Dialoge [M] – Vom Bereuen

„Hast Du Dir so auch nicht vorgestellt?“

„Nein, habe ich nicht. Nichts davon“, sage ich. Ich starre in die Leere vor mir.

„Gibt es etwas, dass Du bereust?“

„Ja“, antworte ich. „Ich bereue jede ausgelassene Gelegenheit. Ich bereue, dass was ich nicht getan habe, aber hätte tun können. Ich bereue es, dass ich bereit war, mit mich weniger zufrieden zu geben, als ich hätte haben können. Ich bereue es, dass ich aus falschen Gründen auf ein Leben verzichtet habe.“ Ich mache eine Pause. „Verschüttete Milch. Bringt mich nicht weiter, nur einen Gedanken daran zu verschwenden.“

„Und was jetzt?“ Er steht neben mir. Dreht den Kopf zu mir. Schaut mich an.

Ich greife in Jackentasche und ziehe ein kleines Notizbuch heraus. Blättere einige Seiten durch. Knicke das Buch und halte es ihm unter die Nase.

„Da! Das! Das machen wir jetzt!“

„Da waren wir noch nicht“, sagt er und zieht die Augenbrauen hoch. „Und ich erinnere mich auch warum. Es gab einen Grund. Und… ich hoffe Dir ist dieser Grund noch bewusst.“

„Ja.“

„Und… klingelt das was bei Dir?“ Er wirkt angestrengt.

„…“

„Ich habe Dich etwas gefragt!“

„Du wirst sehen… es wird alles auf den Kopf stellen. Alles.“

„Genau das ist es, was ich befürchte.“ Er zerrt seine Jacke zurecht. Greift in eine Tasche und zieht eine Packung Zigaretten heraus. Mit den Fingern zieht er eine Zigarette aus der Packung. Er schaut mich an. „Hast Du Streichhölzer?“

Ich beginne zu lachen. Aus vollem Herzen. Es überkommt mich wie eine Welle. Es hört nicht auf. „Ob ich Streichhölzer habe? Oh M… weißt Du… ich liebe Dich… wirklich… Du bist einfach großartig.“ Ich schüttele den Kopf und gehe los. Nach ein paar Schritten drehe ich mich um. „Komm… es wird Zeit. Wir haben lange genug gewartet.“

Dialoge [M.] – Guter Bordeaux

„Fertig!“

„Was ist fertig?“

„Ich habe meine Annahme niedergeschrieben. Wie immer. Ich treffe eine Annahme. Und diese Annahme, werde ich in der Zukunft überprüfen. Ich will wissen, ob ich richtig gelegen habe.“ Ich freue mich. Lege den Kopf schief. Ich bin zufrieden.

„Ich bin mir nicht sicher, ob das sinnvoll ist, mein Lieber?“

„Was man schwarz auf weiß hat, kann man getrost nach Hause tragen.“ Ich lächele. „Am Ende läuft es auf eine Sache hinaus.“

„Ja, ich weiß…“ Er seufzt und verdreht die Augen. Gefolgt von einem tiefen Ein- und Ausatmen.

Ich lehne mich zufrieden zurück. Selbstzufrieden. Ein leicht zynisches Lächeln geht über meine Lippen.

„Ich weiß, was dann passiert.“ Er schaut auf das Buch mit dem Notizen. Dann wieder zu mir. „Das wird desillusionierend werden.“ Sein Finger tippt auf den Umschlag des schwarzen Notizbuches. Er streicht einmal über die Hülle, tippt zweimal darauf und schaut wieder zu mir.

„Ja, wahrscheinlich. Mittlerweile drängt sich der Gedanke auf.“

„Ja, ein Fehler ist kein Bordeaux, der besser wird mit der Zeit, wenn man ihn liegen lässt. Aber man neigt dazu.“ Er seufzt.

„Ja, vor allem wenn man ihn selbst begangen hat und die Konsequenzen weitreichend sind.“

Dialoge [M.] – Passgenauigkeit

„Du schaust so skeptisch?“

„Ja“, antworte ich. Kurz. Knapp. Pointiert. „Ja, das tue ich. Weil… es passt nicht ganz zusammen.“

„Tatsächlich?“

„Tatsächlich!“ Ich schaue auf die Teile des Puzzles, die vor mir liegen.

„Und was genau ist Dein Problem?“ Der Tonfall ist interessiert und er zieht die Augenbrauen hoch.

„Das sind Stücke dabei, die nicht zum Bild auf dem Karton passen. Das Bild scheint größer zu sein. Als hätte man den Rahmen weggelassen, als man die Kartonage gedruckt hat.“

„Und?“

„Ich mag das nicht!“

Dialoge [M.] – Über die Zeit

„Was hat Sie gesagt?“

„Sie sagte, es wäre Zeitverschwendung“, antworte ich. Ich höre die Stimme eines nicht gesprochenen Satzes im Kopf.

Er nickt und fügt hinzu: „Lässt sich nicht von der Hand weisen.“

Ich sage nichts. Ich schaue gerade aus. Dann auf den Horizont.

„Es ist, als würde man die Drogen beiseite und die Waffen niederlegen“, sage ich.

„Hat ja nur 37 Jahre gedauert.“ Er lacht für eine Sekunde. Dieses Lachen, unterstrichen mit einem kurzen Ausatmen. „Der schlimmste Konflikt für einen Soldaten beginnt, wenn der Krieg vorbei ist.“

Dialoge [M.] – Zeit

Die Atmung ist langsam, aber tief. Einatmen. Pause. Noch eine Sekunde warten. Ausatmen.

„Ich denke, es ist an der Zeit“, sage ich und schaue dabei vor mich hin. In die Leere vor mir.

Er nickt. Er spricht nicht. Er nickt einfach nur.

Dialoge [M.] – Grenzen

„Was denkst Du?“

„Ich bin mir nicht sicher. Es ist ein Durcheinander“, antworte ich.

„Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Diese Erfahrungen verändern einiges. Sie werden Deine ganze Sicht verändern.“ Er lächelt leicht. Wissend.

„Ich glaube mir wird einiges klar.“

„Und was?“, fragt er.

„Es waren nie meine Grenzen. Es waren immer die Grenzen der Anderen. Niemals die meinen. Ich war nicht eingeschränkt. Man hat mich eingeschränkt.“

Er nickt. Lächelt. „Ja, ich weiß. Menschen fangen an einen klein zu halten, wenn sie etwas nicht kontrollieren können und es ihnen Angst macht. Und… letztlich macht es etwas mit Dir.“

„Ja… die Erkenntnis ist bitter. Aber sei es drum. Ich nehme es an.“

Dialoge [Der Albatros] – Schuldscheine

Am Ende sah er mich an. Und ich weiß, wie schwer er sich damit tut. Konnte er schon damals nicht.

„Ich weiß gar nicht, wie ich das wieder gut machen soll?“, sagte er. Schaute mich, nur kurz und dann schaute er zur Seite. Diese persönlichen Dinge liegen ihm nicht so.

„Ich würde sagen“, antwortete ich, „Du schuldest mir einen Burger.“

„Mehrere. Das ist nicht das Problem.“ Er machte eine Pause. Dann schaute er mich direkt an. „Und?“

„Ich lieb´s.“

„Das macht Dir Spaß“, fügte er an. „Ist geil, oder?“

Freitagmorgen. Ich fühle mich durchgespielt. Bin fix und fertig. Muss gleich noch zu einem Vortragsveranstaltung, um im Januar leveln zu können.

Dann muss ich die Woche aufarbeiten.

Dialoge [M.] – Immer wieder

„Du hast wieder diesen Tunnelblick!“ Er schaut mich an. „Du bist wütend. Richtig wütend.“

Ich schaue ihn an. Ich atme schwer.

„Ich kann sehen, was es Dich kostet, Dich im Zaum zu halten.“

„Kann Du einfach mal Dein Maul halten?“ Meine Lippen beben bei dem Satz. Es zerrt an mir. Es zieht. Das Sichtfeld schränkt sich ein. Und ich kann spüren, wie das Blut pulsiert und sich durch die Adern drückt. Aber am Schlimmsten ist es, das Adrenalin zu fühlen. Wie puscht. Wie es peitscht. Wie es beginnt etwas aufzubauen, was sich irgendwo hin entladen will.

„Du könntest es rausbrennen.“ Sagt er. „Dann geht es. Das weißt Du. Aber, dann ist es so, wie es immer gewesen ist.“

„Ich mag einfach nicht mehr. Ich bin es so leid.“

„Ich weiß. Und ich sehe Dir das an.“ In seinem Blick ist etwas mitfühlendes. „Aber es ist eine Illusion zu denken, das es besser werden wird. Das wird es nicht. Ich habe immer gesagt: Es nie eine Frage von ob, sondern immer nur von wann. Du erinnerst Dich.“

„Ja, ich erinnere mich.“

„Und? Habe ich jemals damit falsch gelegen?“

„Nein.“

„Dann spielt es auch keine Rolle, was Du tust. Das Ergebnis wird immer das Gleiche sein. Immer. Immer und immer wieder.“ Er macht eine Pause.

„Es wird nicht aufhören, oder?“

„Nein, wird es nicht.“

„…“